DARKWOOD: Tagebuch aus einem grandiosen Horrorwald

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1.10.20

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Feh­ler
mor­gen nach­ho­len
al­les plat­ziert, so bin icn e
Mitt­ler­wei­le ist kurz nach Mit­ter­nacht.

We­ni­ger als acht Stun­den bis die ers­ten Son­nen­strah­len die Baum­spit­zen überwinden und ihr er­lö­sen­des, wenn auch trü­bes Licht auf mei­nen her­untergekommen­en Unter­schlupf im Her­zen des ver­damm­ten Dark­woods schei­nen. Bis­her war die Nacht verdächtig ru­hig. Es woll­te le­dig­lich ein Wil­der ins Ne­ben­zim­mer, hat das ver­bar­ri­ka­dier­te Fens­ter aber bloß be­schä­digt und sich dann in ei­nen Kampf mit ei­nem gro­ßen Kö­ter ver­wi­ckelt. Wä­re das Tier et­was nä­her an mei­ner Haus­tür er­schla­gen wor­den, hät­te ich mu­tig die Kom­mo­de bei­sei­te ge­scho­ben und her­aus­ge­lugt, ob die Luft rein ist, um mir Fleisch zu er­gat­tern.

Wäh­rend mein schlaf­lo­ser Kör­per in Ge­dan­ken irr­te, fällt mir erst spät auf, dass die be­drü­cken­de Stil­le von ei­nem leich­ten Wind durch­bro­chen wur­de. Ehe ich es mer­ke, wächst die­ser zu ei­nem hef­ti­gen Or­kan her­an. Die Wän­de be­ben un­ter den Peit­schen­hie­ben des Sturms. Ein schreck­li­ches Heu­len zieht über das mor­sche Dach und es fühlt sich an, als wol­le mich ei­ne über­na­tür­li­che Kraft aus mei­nem Ver­steck zer­ren. Durch al­le Rit­zen bläst das Un­wet­ter hin­ein und die kom­plet­te In­nen­ein­rich­tung schabt sich über die mod­rig knar­zen­den Die­len in Rich­tung Os­ten. Al­les ver­eint sich in ei­nem oh­ren­be­täu­ben­den Ra­dau durch den ich nicht ein­mal das Krei­schen ei­ner Banshee hö­ren wür­de, wenn sie di­rekt ne­ben mir stän­de.

Plötz­lich wird al­les schwarz.

Pa­nisch über­le­ge ich, was mit mei­nen Lam­pen pas­sie­ren konn­te, bis mir ein­fällt, dass der Ge­ne­ra­tor seit län­ge­rem nicht mehr nach­ge­füllt wur­de. Für die­sen dum­men An­fän­ger­feh­ler wür­de ich mir am liebs­ten auf mei­ne nicht vor­han­de­nen Lip­pen bei­ßen, kaue­re mich aber statt­des­sen in die nächs­te Ecke, um­schlie­ße beid­hän­dig den Griff mei­ner Schau­fel und hof­fe die­ser Alb­traum nimmt bald ein En­de.

TAG 14

Ich re­cke mich auf und schaue zur Per­son ne­ben mir. Täg­lich aufs Neue wun­de­rt es mich, wie sich der Händ­ler in mein Zim­mer schlei­chen kann. So­lan­ge er mir Re­pu­ta­ti­on für über­leb­te Näch­te gibt, soll mir das aber egal sein. In mei­nem In­ven­tar liegt noch et­was Plun­der her­um, den ich ges­tern ge­fun­den hat­te. Da ich sehr knapp vor An­bruch der Dun­kel­heit an­ge­eilt kam, hat­te ich ihn nicht mehr in der Werk­bank ver­staut. Das meis­te da­von ge­be ich al­so di­rekt an den Händ­ler ab und schnap­pe mir Alt­me­tall, so­wie das drin­gend nö­ti­ge Ben­zin.

Nach­dem der Ge­ne­ra­tor wie­der voll ist und für ein paar Näch­te aus­rei­chen soll­te, wird mir erst das kom­plet­te Aus­maß der Ver­wüs­tung klar. Das So­fa und den Schrank, die ich bei­de als pro­vi­so­ri­sche Bar­ri­ka­den vor zwei Durch­gän­ge plat­ziert hat­te, wä­ren fast vom Grund­stück ge­weht wor­den. Ein Kon­strukt aus Nacht­tisch und Ba­de­wan­ne, wel­ches ver­hin­der­te, dass ei­ne Tür mehr als ei­nen Spalt auf­ging, ste­hen nutz­los in der ge­gen­über­lie­gen­den Ecke.

We­nigs­tens sind die­se Din­ge un­ver­sehrt und das Ver­schie­ben kos­tet mich nur ein we­nig Ar­beit. Von dem süd­lichs­ten Fens­ter ent­fer­ne ich bei der Ge­le­gen­heit den­noch gleich das be­schä­dig­te Holz und er­neue­re es mit fri­schen Nä­geln und Bret­tern. Zu­min­dest von letz­te­rem hab ich mir ei­nen gu­ten Vor­rat zu­recht­ge­sägt.

Heu­ti­ges Ziel ist es, das "nach Hüh­nern stin­ken­de Weibs­stück" auf­zu­su­chen. So hat sie der Wolf­mann je­den­falls ge­nannt, als er mir die gro­be Po­si­ti­on ihrer Sied­lung gab. Der Wolf ver­hält sich als ge­hö­re ihm der Wald, da­bei be­ein­dru­cken sei­ne klei­nen Zäh­ne nie­man­den mehr, auch wenn es er­staun­lich bleibt, wie das mit sei­nem Ge­sicht pas­sie­ren konn­te. Sei­ne her­um­kom­man­die­ren­de Art macht mich wü­tend, ich brau­che ihn al­ler­dings für mein Arzt­pro­blem. Hel­fe ich ihm, hilft er mir da­mit im Ge­gen­zug. Ich no­tie­re es ger­ne noch ein­mal: Ei­nen an­de­ren Weg in die Frei­heit gibt es nicht!

Der Wald hat sich seit Be­ginn der Epi­de­mie ver­än­dert und zu ei­nem rie­si­gen Ge­fäng­nis ent­wi­ckelt. Al­le In­sas­sen sind hin­ter ei­ner turm­ho­hen und stel­len­wei­se ki­lo­me­ter­di­cken Wand aus Bäu­men ein­ge­schlos­sen. Die­se höl­zer­nen Git­ter­stä­be ver­mehr­ten sich wie Un­ge­zie­fer in ei­nem ab­surd dich­ten Ab­stand zu­ein­an­der und ich konn­te in Er­fah­rung brin­gen, dass je­der ge­fäll­te Stamm mit ex­tre­mer Ge­schwin­dig­keit nach­wächst.

Wenn ich das Grund­stück das ers­te Mal am Mor­gen ver­las­se, läuft die Zeit wei­ter - zum Glück auch lang­sa­mer als in der Nacht. Noch ein­mal tief ein­at­men… los geht es.

In leich­ten Schlan­gen­li­ni­en be­we­ge ich mich nun über die Kar­te, ei­ner­seits we­gen der un­ge­nau­en Orts­be­schrei­bung, an­de­rer­seits auch um mög­lichst kei­ne Scheit­vor­räte oder gar Häu­ser (ei­gent­lich eher Rui­nen) zu ver­pas­sen. Da­bei gilt im­mer auf­zu­pas­sen wo man hin­tritt, wenn man sich kein Bein am­pu­tie­ren möch­te. Die Welt neh­me ich wie ein Vo­gel aus der Top-Down-Per­spek­ti­ve war, in der ich mir auf den Kopf se­hen kann. Dort­hin wo mein Blick zeigt, se­he ich mit ei­nem Sicht­ke­gel von neun­zig Grad ei­ni­ge Me­ter vor mei­nen Kör­per. Au­ßer­halb wer­den nur Um­ris­se der Um­ge­bung wahr­ge­nom­men, kei­ne Krea­tu­ren und kei­ne Men sons­ti­gen Wald­be­woh­ner.

Ich zu­cke leicht zu­sam­men, als Krä­hen zu mei­ner Lin­ken da­von­flat­tern. Ob­wohl das Le­ben hier nicht so ist wie man es aus bil­li­gen Jump-Sca­re-Fil­men kennt, lauscht man doch im­mer auf­merk­sam in den Wald hin­ein. Und sel­te­ne Ge­räu­sche, die sich vom We­hen der Blät­ter ab­he­ben, kön­nen un­güns­tig über­ra­schen. Ob­wohl das jetzt be­stimmt schon mei­ne vier­te Be­geg­nung mit die­sen Schrei­häl­sen ist.

Bei der zer­pick­ten Lei­che durch­su­che ich die Ta­schen und ge­be mich mit zwei Lap­pen und ei­ner Ta­blet­te zu­frie­den. Ich hof­fe bald ei­nen Löt­kol­ben zu fin­den, den ich für das nächs­te Werk­bankup­grade be­nö­ti­ge, um end­lich ei­ne ver­nünf­ti­ge Pis­to­le her­stel­len zu kön­nen. Ein Klein­ka­li­ber­ma­ga­zin hat­te ich ja vor­ges­tern er­hal­ten.

We­ni­ge Schrit­te wei­ter er­tönt ein kraft­vol­les Knur­ren. Die­ser Klang ge­hört ein­deu­tig zu ei­nem gro­ßen Hund, viel­leicht kom­me ich al­so doch noch an ein Stück köst­li­ches Fleisch. Ich ver­su­che ihn zu fin­den, denn so schau­rig gran­di­os die Sound­ku­lis­se auch ist, man hört le­dig­lich auf wel­cher Sei­te et­was ist, nicht aber wie weit über oder un­ter mir.

Als ich ihn am Rand ei­ner Baum­grup­pe ent­de­cke, schlei­che ich mich über knack­sen­des Ast­werk nä­her und ho­le zum An­griff aus. Er scheint ge­ra­de zu­fäl­lig den Blick in mei­ne Rich­tung ge­wor­fen zu ha­ben und stürmt di­rekt auf mich los. Zum Weg­ren­nen ist es jetzt zu spät, aber ich bin be­reit ge­nug – noch mi­ni­mal war­ten bis er ei­nen Sprung nä­her ist und…

Das Schau­fel­blatt zischt durch die Luft wäh­rend mein gan­zer Ober­kör­per al­len mög­li­chen Schwung mit­gibt. Das wil­de Tier öff­net sein klin­gen­be­stück­tes Maul in dem Mo­ment, als sich mein Werk­zeug seit­lich in des­sen Brust­korb gräbt. Die Wucht des Zu­sam­men­sto­ßes lässt den Stiel im ers­ten Mo­ment fast aus mei­nen un­ru­hi­gen Hän­den glei­ten, letzt­lich be­hal­te ich den­noch die Waf­fe so­li­de bei mir. Die Bes­tie wird der­weil von den mus­ku­lö­sen Pran­ken ge­ris­sen und rutscht ei­nen hal­ben Me­ter auf dem Rü­cken, steht aber di­rekt wie­der auf al­len Vie­ren als wä­re nichts ge­we­sen. Beim er­neu­ten Aus­ho­len mei­ne ich ein leich­tes Grin­sen an mei­nem Geg­ner aus­zu­ma­chen, wo­bei mir auf­fällt, dass ich dies­mal zu spät bin. Die sich schmerz­voll in mei­ne Haut boh­ren­den Klau­en brin­gen mich aus dem Gleich­ge­wicht und bre­chen mei­ne At­ta­cke ab. Oh­ne Ver­schnauf­pau­se rich­te ich mich ein letz­tes Mal aus, ste­che ein­mal kurz aber kraft­voll nach vor­ne und er­freue mich am Rums des um­ge­fal­len Bies­tes, der mir be­stä­tigt, dass die­ser Hieb zum Er­le­gen ge­nüg­te.

Er­schöpft wird tief durch­ge­at­met und lang­sam die kom­plet­te Aus­dau­er re­ge­ne­riert. Die Wun­de ist nicht so tra­gisch wie be­fürch­tet, ei­nen Ver­band wer­de ich da­her nicht ver­schwen­den. Der Kampf ver­lief so­mit recht sou­ve­rän, war­um klappt das so nicht auch nachts. Dem Ka­da­ver ent­rei­ße ich ein or­dent­li­ches Stück Fleisch, zu­sam­men mit hal­lu­zi­no­ge­nen Pil­zen wird das in den Ofen kom­men. Ich bin kein Jun­kie, die da­durch er­lang­ba­ren Fä­hig­kei­ten sind je­doch über­le­bens­wich­tig – trotz Ne­ben­wir­kun­gen.

We­nig spä­ter hö­re und er­spä­he ich ei­nen Elch, des­sen pracht­vol­les Ge­weih ist mir al­ler­dings nicht die An­stren­gung und Ge­fahr ei­ner Kon­fron­ta­ti­on wert, zu­mal ich nicht un­nö­tig die Halt­bar­keit mei­ner Schau­fel ver­schlech­tern will. Re­pa­rie­ren geht ja nur an der Werk­bank.

Nach dem Fund ei­ner Kis­te, die ich per Diet­rich öff­ne­te und aus­räum­te, bin ich schon am Weg an­ge­kom­men, der zum ge­such­ten Dorf führt. Ein an ei­nen Baum­stamm ge­wi­ckel­tes Schwein war­tet auf dem zu­ge­wu­cher­ten Pfad. Die her­aus­hän­gen­den Ein­ge­wei­de sol­len wohl un­er­wünsch­te Frem­de will­kom­men hei­ßen. Ich will mich nicht drü­cken, aber mo­men­tan ist ge­ra­de ein­mal Mit­tag und mein be­grenz­tes In­ven­tar bie­tet noch et­was Platz.

Ent­spre­chend ent­schei­de ich mich noch ein Stück wei­ter west­lich bis zur Ecke des Wald­ab­schnitts zu wan­dern. Ein ein­zel­ner Wil­der streift mir durch die Bü­sche ent­ge­gen – mei­ne Schau­fel ist in An­griffs­po­si­ti­on. Als er mich er­blickt, brüllt er nur ver­wirrt und schlu­dert da­von. An­statt ihm nach­zu­het­zen, blei­be ich bei mei­nem Vor­ha­ben und tref­fe am Rand auf ei­nen ver­ros­te­ten Last­wa­gen.

Beim An­nä­hern stel­len sich mir die Na­cken­haa­re auf. Aus der La­de­flä­che er­klingt ein tie­fes, lang­sam pul­sie­ren­des Grol­len. Die­ses Ge­räusch ist mir un­be­kannt, eins steht je­doch fest, was im­mer für ein Schre­cken sich hier an­kün­digt, un­vor­be­rei­tet wer­de ich nicht in die­se dunk­le Fal­le ren­nen. In si­che­rem Ab­stand ver­su­che ich mich zu sam­meln, neh­me ei­nen selbst­ge­mach­ten Mo­lo­tow­cock­tail aus dem Ruck­sack und plat­zie­re ihn griff­be­reit in mei­ner Gür­tel­ta­sche.

Mein Puls er­höht sich mit je­dem Schritt den ich mich nä­he­re. Wei­ter­schrei­ben wer­de ich nach­dem das er­le­digt ist.